Illustration: Franziska Kuo
Illustration: Franziska Kuo

Der chinesische Kochtopf
Von
Hermann Bauer
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Gerne höre ich auch heute noch auf den Rat des Ehepaares Lindner. Ob die Probleme klein oder groß sind, die Lindners finden immer einen Ausweg.

Sabine und Robert Lindner sind schon weit über 80 Jahre alt. Im Herzen sind sie aber jung und modern geblieben. Herr Lindner hatte einen Beruf, in dem er in der ganzen Welt herumkam. Er lebte viele Jahre mit seiner Frau in Asien und Südamerika. Heute wohnen die beiden am Stadtrand einer deutschen Großstadt, direkt an einem See. Ein breiter Weg führt zu der geräumigen Villa.

Ich sitze in einem schwarzen Ledersessel und betrachte das Kaminfeuer. Ich war schon in vielen Wohnzimmern Gast. Keines strahlte jedoch so eine Gemütlichkeit und Geborgenheit aus wie dieses.

Herr Lindner schenkt mir einen französischen Rotwein ein, wir stoßen alle an, und Frau Lindner meint: "Es wird höchste Zeit, daß wir mal wieder gemeinsam einen netten Abend verbringen."

Herr Lindner steht auf, was ihm große Mühe bereitet. Wie so viele Senioren hat auch er Schwierigkeiten mit seinen Beinen. Sie tragen ihn nicht mehr so gut.

Er geht zum Kamin, bückt sich und greift nach dem Korb, um Holz zu holen. Ich springe auf, um ihm die Arbeit abzunehmen. Aber schon steht Sabine Lindner neben mir und bittet uns, beide wieder Platz zu nehmen, denn sie möchte Brennholz holen. Sie läßt sich nicht von mir helfen.

Als sie wieder das Zimmer betritt, geht Robert Lindner auf sie zu, bedankt sich bei ihr und drückt ihr ein Küßchen auf die Wange.

Ich bin gerührt. Es ist jedesmal eine Freude für mich zu sehen, wie glücklich und harmonisch die beiden nach so vielen Ehejahren immer noch sind.

Ich trinke einen Schluck vom Wein und frage sie: "Was ist eigentlich das Geheimnis eurer glücklichen Ehe?"

Beide lächeln sich an, und Robert antwortet: "Ein Geheimnis gibt es da sicher nicht. Die Ehe ist ein Bündnis, das gehegt und gepflegt werden muß."

Sabine bestätigt dies und fährt fort: "Leider sind die meisten Menschen nicht auf die Ehe vorbereitet. Robert und ich waren es auch nicht. Als wir vor über 60 Jahren heirateten, hatten wir keine Ahnung. Wir wußten nicht, wie man über seine Gefühle und Empfindungen spricht, wie man Kritik einsteckt, wie man Kritik übt, ohne den anderen gleich in Bausch und Bogen zu verdammen, wie man konstruktiv streitet, wie man es schafft, auch mal nachzugeben, Probleme auch mal eine Weile im Raum stehenzulassen, um einen günstigeren Augenblick zu ihrer Bewältigung abzuwarten. Die ersten Jahre waren deshalb ziemlich schwierig, und der Haussegen hing oft schief."

Robert geht in die Küche. Er kramt aus dem hintersten Eck einen Gegenstand hervor, bringt ihn mit ins Wohnzimmer, reicht ihn mir und meint: "Vielleicht gibt es doch ein Geheimnis unserer glücklichen Ehe – dies hier hat eine Menge dazu beigetragen."

Gespannt wartet er auf eine Reaktion von mir. Ich bin jedoch ratlos. Was er mir in die Hand gedrückt hat, ist ein ganz gewöhnlicher Kochtopf. Er ist nicht schön, die Farbe bereits an einigen Stellen abgeblättert.

Sabine lacht und erzählt: "Dieser Topf ist schon sehr alt. Ich habe ihn bei einem alten Chinesen in Schanghai gekauft. Dieser Mann sagte zu mir, in Europa sei die Ehe mit einem heißen Topf zu vergleichen, den man auf eine kalte Platte stelle und der nach und nach abkühle. In fernöstlichen Ländern sei die Ehe ein kalter Topf, den man auf eine heiße Platte stelle, so daß er sich langsam erwärme und immer heißer werde. Diese Worte haben mir damals sehr gut gefallen, und bis heute habe ich sie nicht vergessen."

Robert unterbricht Sabine und stellt klar: "Nicht, daß unsere Ehe zu Anfang ein kalter Topf gewesen wäre, ganz im Gegenteil, aber ich glaube, daß viel zu viele Menschen lediglich darauf hoffen, daß sich die Anfangshitze möglichst lange hält, anstatt immer wieder kräftig nachzuheizen. So verstehe ich die Ehe: die Freundschaft vertiefen, sich immer näherkommen, sich immer besser verstehen lernen."

Verträumt beobachte ich, wie die lodernden Flammen auf die gerade aufgelegten Holzscheite übergreifen.

Sabine unterbricht die Stille, als sie meint: "Wir reden oft über Ehe und Partnerschaft. Und wenn jemand Schwierigkeiten hat, so wie du, versuchen wir ihm zu helfen." Dabei schaut sie mir tief in die Augen.

Robert legt seine Hand auf meine Schulter und sagt: "Ich finde es sehr wichtig, auch von anderen Menschen zu hören, welche Probleme sie haben. Zu sehen, wie sie damit umgehen, das hilft auch uns weiter."

Ich bin nicht in der Stimmung, jetzt über die Schulprobleme meiner Kinder zu sprechen, auch nicht über die voraussichtliche Kündigung unserer Mietwohnung und schon gar nicht über meine momentane Ehekrise. Da kann mir keiner helfen, denke ich mir, da muß man eben durch.

Ich trinke mein Glas leer, stehe auf, gehe wie ein Tiger in seinem Käfig nervös auf und ab und sage etwas vorwurfsvoll: "Das alles hört sich recht einfach an, ist jedoch, wie alles Üben, eine schwierige Arbeit. Es erfordert eine Menge Geduld und entlockt einem auch so manchen Seufzer und mehr." Ich bedanke mich für den netten Abend und möchte mich verabschieden.

Frau Lindner reagiert überhaupt nicht und holt noch eine zweite Flasche Rotwein aus der Küche.

Herr Lindner meint trocken: "Setz dich wieder."

Seine Frau reicht mir die Flasche und den Korkenzieher.

Ich öffne die Flasche, gieße allen die Gläser nach und lasse mich in den Sessel fallen. Ich fühle mich unausgeglichen und ausgelaugt vom beruflichen und häuslichen Ärger.

Robert Lindner deutet mit seinem Zeigefinger auf die Vitrine mit den vielen Schnitzereien, Statuen und Vasen. "Jedes Stück teilt eine Geschichte mit", sagt er. "In welches Land sollen wir dich heute entführen? Nach Burma, Thailand, Indonesien, Indien, Guatemala, Peru...?"

Er greift sich aus der Vitrine eine Holzfigur, hält sie in den Händen, betrachtet sie immer wieder von allen Seiten, und dann erzählen beide über Indonesien. Das klingt alles so echt, als ob ich damals selbst dabeigewesen wäre.

Ich schließe meine Augen, und manchmal habe ich das Gefühl, als könnte ich sogar Gerüche von Speisen, über die sie mir erzählen, wahrnehmen. So vergesse ich für einige Stunden meine Sorgen. Wie machen die beiden das nur? Die Erzählungen wirken auf mich wie eine Hypnose und Seelenmassage zugleich.

Nach etwa drei Stunden verabschiede ich mich und trete den Heimweg an.

Zu Hause fragt mich meine Frau: "War es nett? Haben die beiden wieder über ihre Auslandsabenteuer gesprochen?"

Ich nicke mit dem Kopf: "Ja, es war wieder sehr schön. Diesmal haben sie mich mit nach Indonesien genommen. Aber sie haben mir auch eine kleine Geschichte über einen chinesischen Kochtopf erzählt. Diese Erzählung gefiel mir am besten. Willst du sie hören?"

Verständnislos schaut meine Frau mich an und meint: "Heute nicht mehr. Ich bin schon zu müde. Vielleicht morgen. Dann erzähle ich dir auch eine Geschichte über Kochtöpfe, Bestecke, Teller, Tassen und Gläser, die ich heute abgespült habe, während du dich amüsiert hast. Ich gehe jetzt ins Bett. Gute Nacht."

Ich bin noch nicht müde. Zu viele Gedanken wirbeln noch in meinem Kopf herum. Dabei denke ich an einen kühlen Kochtopf und wünsche mir, er möge sich bald wieder erwärmen und vielleicht sogar sehr heiß werden.

 Copyright by Hermann Bauer

Diese Geschichte wurde ins Vietnamesische übersetzt: Cái noi Trung Quoc